Worüber sprechen neun erfolgreiche Friseure, wenn sie sich zum Branchentalk auf Einladung von dm treffen? Fast über das Gleiche, wie wenn sich Friseure sonst wo treffen. Anfang August, in Wien, machte man sich aber auch Gedanken über die Zukunft der Friseurzunft.

Im 25hours Hotel, nomen est omen, 25 Stunden lang. Perfekt vorbereitet und moderiert durch die Integrated Consulting Group, eine Grazer Unternehmensberatung mit viel Gefühl für die kreativste aller Branchen. Während Rollen- und Aufstellungsspielen und auch danach verwunderte mich die absolute Offenheit der Teilnehmer über ihre eigenen Unternehmen, ihre Ziele, ihre Probleme und Visionen, auch für die Zukunft, die nahe und auch die in zehn Jahren.

Speed Talking – das ist so wie Speed Dating, allerdings ging es um die vorgegebenen Themen: Woher komme ich? Wie schätze ich den Friseurmarkt aktuell ein? Welche Trends – Fokus Markt – schätzen Sie am wichtigsten ein? Es hat nicht lange gedauert, bis Folgendes herauskam:

Einschätzung Markt: Unser Markt, Besucher und Umsätze wachsen. Aus- und Weiterbildung wird immer wichtiger. Friseurberuf als Dienstleister ist im Fokus: viele Maturanten und Quereinsteiger bewerben sich. Individualität ist weiter im Kommen.

Die wichtigsten Trends: Onlinebuchung, Spezialisierung z.B. Barber, Instagram, Facebook und Snapchat haben die Branche erobert, genauso wie die allgemeine Digitalisieung, wie Webinare. Die Marke des Unternehmens: CI, CD, Logo. Giveaways wie T-Shirts, Sticker und Eigenmarken mit eigenem Branding kommen bei den Kunden gut an.

Allerdings stellte man auch fest, dass EPU, also Kleinstunternehmen, One-Man-, One-Woman-Shows mit dem Glauben an freie Zeiteinteilung und wenig Kontrolle, mittlerweile fast 50 Prozent der Betriebe ausmachen und nicht die xxxxxxxxx Ausbildung haben. Dagegen kämpfen Filialisten neben Kontrollen durch AK und Arbeitsinspektorat auch mit Kapital- und Mitarbeiterproblemen. Sie sind zum Wachstum gezwungen, denn unter 15 oder 20 Filialen ist es unrentabel. Allerdings bleibt der Mensch, die Person als personifizierte Marke oder „Platzhirsch“ wichtig.

  • Unisono waren alle überzeugt, dass die Qualität der Leistung, die Qualifikation der
  • Agierenden passen muss, das Teamwork und die Abläufe stimmig sein müssen.
  • Terminversprechen müssen real sein.
  • Jeder hat die Kunden, die er verdient.
  • Wie gut ein Friseur ist, sagt nicht nur der gerade Schnitt, sondern die Persönlichkeit und das ganze Paket.
  • Das Kerngeschäft ist unsere Basis.
  • Älter in die Ausbildung, dann aber kürzer.
  • Kommunikation gehört zum Berufsbild.
  • Persönliche Gespräche sind USP der Friseure.
  • Lehre mit Matura als Voraussetzung für das Niveau des Handwerksberufs.
  • Berufsbild in den Köpfen der Mitarbeiter und auch in den Gremien weiterentwickeln.
  • Unsere Dienstleistung muss heute und auch morgen etwas wert sein.
  • Gute Löhne sind zahlbar, flexible Arbeitszeitmodelle anzudenken.
  • In Zukunft werden die Menschen durch die Digitalisierung und Roboter noch mehr Bedarf an Berührung und Pflege haben, also kann eine Branche, gut orientiert als Handwerker, Kommunikator und Pfleger, ruhig in die Zukunft blicken.
  • Keine Angst, wenn das Konzept stimmig ist.

Die Atmosphäre im Salon wird als zielgruppenspezifisch betrachtet, also Differenzierung nach Generationen, Alter und Einzugsgebiet. Auch unterschiedlich nach Großstadt, Stadt und ländlichem Raum.

Wenn der Topf den Deckel gefunden hat, das Problem auch subjektiv gelöst ist, der Schnitt noch ein paar Tage hält, die Farbe passt, man nett und zuvorkommend alle Wünsche erfüllt hat, so sind das die Begeisterungselemente der Kunden der Anwesenden.
Terminbuchungen am Telefon oder online oder gar reinkommen und drankommen? Das Terminversprechen muss in jedem Fall gehalten werden. Anderes verstehen Kunden nicht.

Woher kommen wir und wohin gehen wir. Die aktuelle Entwicklung ist die Basis jeglicher Planung. So war man sich einig, dass es der Mittelstand mit 20 bis 100 Mitarbeitern in Zukunft am schwersten haben wird. Was Start-ups bringen und wer das ist? Eine schärfere Positionierung in der Branche? Neue Formen werden immer mehr gelebt, es wird sich zeigen, ob sich diese Konzepte halten werden. Allerdings: wenn entschieden, dann muss man sein Ding auch durchziehen. Ob die Visionen aus einer Gruppe heraus entstehen oder die Führung das Tempo vorgibt und sich die Mitarbeiter einbringen? Auch Individualisierung braucht ein Fundament. Die Stärken der Mitarbeiter sollte man nützen, Kunden lieben (ihre) Spezialisten. Eine extreme Stärke guter Friseure ist Kommunikation. Dahingehend sollte sich das Berufsbild verändern, ist man sich einig. Reifer sollten sie sein! Die, die sich der Ausbildung stellen und nicht glauben, dass sie alles können. Zu viele haben ihre Berufswahl falsch getroffen und hören mitten in der Ausbildung, vor dem Abschluss wieder auf.

Zukunft? Ja! Werden 2027 80 Prozent online gebucht? Gibt es dann keine Fachberatung mehr? Geht dann Kassieren nur noch bargeldlos? Weniger Kommunikation im Vorfeld? Werden dann Roboter Haare schneiden? Mitnichten. Das Persönliche, die Dienstleistung, der Dienst und die Leistung, sind das unverwechselbar Einzigartige (USP). Schon heute gibt es Salons, die nur mehr Maturanten als Lehrlinge nehmen. Karriere mit Matura und Lehre, vielleicht schon mit 17-jährigen Maturanten? Der Wunsch unserer Mitarbeiter nach mehr Freizeit und Freiheit, allerdings ohne Risiko, wird sich auch gegen mehr Lohn oder Titel durchsetzen, flexible Arbeitsmodelle werden mehr denn je gefragt sein. Die Persönlichkeiten unserer Mitarbeiter werden stärker, Persönlichkeitstraining und Beratung für sie neben der Entlohnung immer wichtiger. Allerdings wird es hier auch mehr Auswahlmöglichkeiten geben, das ermöglicht auch klare und schnelle Entscheidungen bei Personalwechsel.

Online-Terminisierung, gut und schön. Die Kunden wählen außerhalb der Arbeitszeit – es wird aber auch 24/7/365-Salons geben -, was wie und wann zu passieren hat. Wir müssen allerdings das Kerngeschäft beherrschen und wahrscheinlich noch mehr in Ausbildung investieren. Angst: Wir verkaufen 2050 Pillen, die die Haarfarbe und Frisur verändern. Oder wer?

Matura mit 17, Lehre nur noch mit Matura, flexible Arbeitszeitmodelle mit mehr Eigenverantwortung, überdachte Öffnungszeiten und das Bewusstsein, dass Dienstleistung etwas wert ist, im Wert sogar steigen wird. Identität, Eigenmarke und Positionierung gegenüber der Öffentlichkeit. Und dann immer noch: das Handwerk beherrschen!


Alexander Socher, Toni&Guy
Clemens Happ, Friseur Happ
Robert Gudera, Ginger
Robert Tarquini, Tarquini der Friseur
Mike Braun, Hair Hunter Black Label
Franz Musyl, Arnold Prutsch
Wolfgang Eder, Friseur Eder
Alexander Friessnegg, dm
Helmut Maier, dm
Josef Moschein, dm
Michaela Feiel, dm
Maria Striedinger, dm
Andrea Hiotu, dm
Julia Jantschgi, ICG
Andreas Pölzl, ICG

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